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Human-Centred Design in der Entwicklung von Blockchain Applikationen

Brian Collins, CEO und Gründer von Horizon Globex, zeigte am zweiten Liechtensteiner Blockchain Pitch-up, worauf es in der Entwicklung von Blockchain Applikationen ankommt. Die Präsentation von talketh.io ist ein Beispiel dafür, wie menschzentrierte Blockchain Applikationen gestaltet werden müssen, um mehrdimensional Wert zu schaffen.
Dieser Artikel wurde erstmals auf medium.com veröffentlicht
Gemäss Falk Uebernickel et al. (2015, S. 22) können durch eine radikale Kundenorientierung und -integration im Innovationsprozess der grösste Mehrwert geschaffen werden, da gleichermassen sichergestellt wird, dass Innovationen vom Markt akzeptiert werden sowie dass Risiken und Fehler frühzeitig erkannt werden.
Lewrick und Di Giorgio (2018, S. 99–100) führen weiter aus, dass bei Blockchain Applikationen wie bei den meisten erfolgreichen digitalen Lösungen, der Nutzer im Zentrum stehen soll. Dementsprechend muss in der Entwicklung von Blockchain Applikationen ein Produkt oder eine Dienstleistung entwickelt werden, welche ein konkretes Problem des Anwender löst bzw. ein unbefriedigtes Bedürfnis sättigen. Auf der anderen Seite sollte eine möglichst einfache und verständliche Nutzung angestrebt werden. Wer schon einmal Bitcoin oder Ethereum gekauft hat und sich diese danach auf ein digitales Wallet geladen hat weiss, dass die Nutzerfreundlichkeit im Umgang mit Kryptowährungen heute noch über ein starkes Verbesserungspotenzial verfügt.

Mit der Präsentation der Plattform talketh.io hat Brian Collins eine Telefonie-Lösung auf der Ethereum-Blockchain vorgestellt, welche sowohl für den End-Nutzer einfach zu bedienen ist, als auch vollkommen auf dessen Bedürfnisse ausgerichtet ist und folglich ein bestehendes Problem löst.

„Blockchain Applications need to be as frictionless and easy to use for the end-consumer as possible.”
(B. Collins, Präsentation, 3. Oktober 2018)

Talketh.io nutzt innovative Voice over IP Technologie (VoIP), um bankenlose Smartphone-Nutzer aus unterschiedlichen Schwellenländern möglichst günstig mit Verwandten oder Bekannten in anderen Ländern zu verbinden. Im Vergleich zu klassischen Prepaid SIM-Karten, ermöglicht talketh internationale Telefonate zu einem Bruchteil der Kosten.Im Gegensatz zu gängigen Anbietern von Internettelefonie (vgl. Viber, Skype oder WhatsApp) kommt talketh mit sehr geringem Datenvolumen aus und funktioniert bereits bei 2G oder Edge Empfang. Somit erschliesst Horizon Globex Regionen im mittleren Osten, Südostasien, Lateinamerika sowie dem afrikanischen Markt durch Internettelefonie. Diese Regionen weisen meist eine stark zunehmende Smartphone-Verbreitung, bei teilweise schlecht ausgebauten Mobilfunknetzen auf (talketh, 2018, S.7).

talketh is the world’s first Internet telephone app that accepts cryptographic call credit from the blockchain.
(talketh, 2018, S. 7)

Neben der innovativen Technologie fallen bei dem Projekt im Vergleich zu anderen Initial Coin Offerings (ICOs) jedoch besonders zwei Aspekte auf:
1. Der End-Konsument merkt nicht/ kaum, dass er eine Blockchain Anwendung nutzt.
2. Im Gegensatz zu anderen Tokens, entzieht sich talketh jeglicher Spekulation auf Krypto-Börsen. 


Wie ist das möglich?

Aus Nutzerperspektive ist Internettelefonie über talketh spielend einfach: Der Nutzer kauft sich an einem nahegelegenen Kiosk/ Verkaufsstelle eine Scratch-Card mit einem Code, welcher Guthaben eines fixen Geldbetrags entspricht.
Über die talketh App von Google Play oder dem Appstore kann er nach der Eingabe des erworbenen Codes problemlos wie gewohnt die eigenen Kontakte anrufen. Ist das Guthaben aufgebraucht, so kauft sich der Nutzer einen neuen Code. Im Gegensatz zum Kauf von Guthaben einer gewöhnlichen SIM-Karte, berechnet talketh für Telefonate jedoch nur ein minimaler Anteil der Kosten.


Wo kommt nun die Blockchain ins Spiel?
Der Kauf der Scratch-Card an der lokalen Verkaufsstelle entspricht in Realität dem Kauf des VOX Tokens von talketh und der enthaltene Code ist der Private Key, für die Wallet-Applikation welche im Hintergrund läuft.

Beim VOX Token handelt es sich um einen ERC20 Token auf der Ethereum Plattform, welcher auf keiner regulären Krypto-Börse gehandelt wird. Somit sind die End-Konsumenten (Käufer der Scratch-Cards) gleichzeitig auch die einzigen Käufer der VOX Tokens und bilden somit die komplette Nachfrageseite des Tokens ab. Die Angebotsseite hingegen wird über eine eigens entwickelte dezentralisierte Börse (DEX) abgewickelt, auf welcher Investoren Angebote setzen können und somit von einer Marge profitieren.


Warum wird dafür Blockchain benötigt?

Nicht zu unrecht weisen Lewrick und Di Giorgio (2018, S. 148) darauf hin, dass herkömmliche Standardapplikationen und zentralisierte Datenbanken oftmals weitaus effizienter und geeigneter sind, als eine Blockchain-Architektur. Auf explizite Nachfrage entgegnete Brian Collins, dass die Verwendung der Ethereum Plattform den Erwerb einer Banklizenz für das Geschäftsmodell erübrigt (Persönliche Kommunikation, 3. Oktober 2018). Zudem ermöglicht die erstellte Architektur eine automatisierte Abwicklung der Transaktionen und löst das bei digitalen Währungen bestehende Double Spending Problem. In ihrem Whitepaper beschreibt talketh die Vorteile der Verwendung einer Blockchain wie folgt:
Blockchain provides secure e-wallets which are a scalable way to serve the financial needs of the unbanked.”
(talketh, 2018)

Zusammengefasst, bietet talketh durch eine innovative Technologie auf sehr attraktiven Markt ein preiswertes Telefonie-Angebot, welches heute schon funktioniert. Bankenlose Bürger können die App über Ihr Smartphone problemlos nutzen, ohne überhaupt zu wissen, dass sie Transaktionen auf der Blockchain tätigen. Die Token-Ökonomie des VOX Tokens ist einzigartig und gut durchdacht. Ob talketh mit ihrer App im Massenmarkt der anvisierten Schwellenländer Anklang findet, wird sich noch herausstellen. Sicher ist jedoch, die nutzerorientierte Implementierung der Blockchain setzt einen Massstab, welche die meisten der bestehenden Anwendungen heute noch nicht erreicht haben.
Quellenverzeichnis
Horizon Globex Gmbh (2018a). Talketh (v.2.3.18) [Mobile application software]. Abgerufen von https://play.google.com/store/apps/details?id=io.talketh&hl=de
Horizon Globex Gmbh (2018b). Talketh (v.2.3.47) [Mobile application software]. https://itunes.apple.com/us/app/talketh/id1353796855?mt=8 
Lewrick, M., & Giorgio, C. (2018). Live aus dem Krypto-Valley: Blockchain, Krypto und die neuen Business Ökosysteme. Vahlen: München.
Talketh (2018). Whitepaper: Our vision. Abgerufen von https://talketh.io/docs/TalkethWhitePaper.pdf
Uebernickel, F., Brenner, W., Pukall, B., Naef, T., & Schindlholzer, B. (2015). Design Thinking: Das Handbuch. Frankfurter Allgemeine Buch.

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Severin Kranz

Severin Kranz arbeitet seit mehreren Jahren als Consultant im Fintech-Bereich sowie in der Vermögensverwaltung. Seit 2015 setzt er sich zudem mit dem Thema Kryptowährungen und Blockchain auseinander. Durch seinen Master in Business Innovation an der Universität St. Gallen hat er sich zudem auf mensch-zentrierte Innovationen und Design Thinking spezialisiert.