Basic Technologies, General

Bitcoin Halving – Funktionsweise und Implikationen für Investoren

In den letzten Wochen haben sich zahlreiche Medien und Analysten mit extremen Kurszielen im Zuge des Bitcoin-Halvings überboten (Bonnet, 2020). Erklärungen zu Hintergrund und Funktionsweise des Halvings kamen dabei oft zu kurz. Dessen Einfluss auf den Bitcoin-Kurs wurde manchmal zudem zu stark vereinfacht oder nur einseitig beleuchtet. Im folgenden Artikel wird entsprechend der Hintergrund und die Funktionsweise des heutigen Bitcoin-Halvings schrittweise erläutert, mögliche Auswirkungen auf das Bitcoin-Ökosystem diskutiert und Implikationen für Investoren erarbeitet.


English version available on medium.com


Um das Bitcoin Halving und dessen Auswirkungen zu verstehen, ist ein grundlegendes Verständnis für den Geldschöpfungsprozess von Bitcoin (Mining) notwendig. Dieser Prozess wird in vielen Medien falsch dargestellt bzw. auf den blossen Prozess des “Schürfens” neuer Bitcoin reduziert. Aufgrund der Tatsache, dass es in einem verteilten Geldsystem wie Bitcoin keine Zentralbank gibt, wird ein Mechanismus benötigt, welcher die Auflistung und Validierung vergangener Transaktionen ermöglicht, ohne dass einzelne Netzwerkteilnehmer diese manipulieren können (Konsens-Mechanismus).


Die Rolle der Bitcoin Miner

Im Kern beschreibt das Mining die Validierung von Transaktionen im Bitcoin-System. Ungefähr alle 10 Minuten entsteht ein neuer Block, der jeweils ungefähr  2000-3000 Bitcoin-Transaktionen enthält (Blockchain.com, 2020b). Um einen  solchen Transaktionsblock zu validieren, berechnen Miner komplexe kryptographische Rätsel (Hash-Funktion) deren Lösung Rechenleistung benötigt. Findet ein Miner eine Lösung, wird diese von dem Netzwerk aus global verteilten Computern (Netzwerkknoten) überprüft. Derjenige Miner, der die Lösung als erstes errechnet hat, bestimmt welche Transaktionen im nächsten Block inkludiert werden. Für die Berechnung der Lösung des Blocks wird er mit dem sogenannten Block-Reward in Form von Bitcoins entlohnt. Je mehr Rechenleistung (Hashrate) ein Miner zur Verfügung hat, desto grösser ist die Chance, dass er den Block löst und somit den Block-Reward erhält. Mit dem Beweis, dass für die Transaktionsvalidierung viel Rechenleistung aufgewendet wurde (Proof-of-Work) sowie der Belohnung für die korrekte Validierung von Transaktionen, werden Anreize geschaffen die eine Datenmanipulation nicht rentabel machen. Der Mining-Prozess stellt somit nicht nur die Geldschöpfung durch die Erschaffung neuer Bitcoins mit dem Block-Reward sicher, sondern schafft gleichzeitig auch die Grundlage der dezentralen Währung durch eine unveränderbare Kette von Transaktionsblöcken – die Bitcoin-Blockchain.


Geldmenge, Block-Rewards und das Halving

Das Anreizsystem für Miner besteht aus zwei Bestandteilen. Einerseits erhalten die Miner für die Durchführung von Transaktionen durch deren Aufnahme in den nächsten Block Transaktionsgebühren von den Bitcoin-Nutzern. Andererseits besteht über die Validierung von Transaktionen (Block-Reward) ein weiterer Anreiz für Miner. Das Bitcoin-Protokoll definiert hierbei, dass alle 210’000 Blöcke der Block-Reward für die Miner halbiert wird. Da alle 10 Minuten ein neuer Block kreiert wird, erfolgt eine Halbierung des Block-Rewards (Halving) ungefähr alle 4 Jahre. Für die ersten 210’000 Blöcke betrug der Block-Reward jeweils 50 Bitcoins. Dies bedeutet, dass in den ersten 4 Jahren nach der Erschaffung von Bitcoin im Jahr 2009 Block-Rewards in der Höhe von 10.5 Millionen Bitcoin ausgegeben wurden. Die nachfolgende Abbildung zeigt die Anzahl Bitcoins im System auf der Zeitachse. 

Total Bitcoins over time. Abgerufen von BTC Direct (2020)



Mit dem ersten Halving im Jahr 2012 wurde der Anreiz für die Miner auf 25 Bitcoins pro Block reduziert und seit 2016 beträgt der Block-Reward noch 12.5 Bitcoins. Dieser Prozess ist im Bitcoin-Protokoll vordefiniert und lässt sich im Code der Bitcoin-Clients wiederfinden. Der Halving-Prozess steuert demnach programmatisch die Inflationsrate von Bitcoin und stellt dadurch sicher, dass die Geldmenge der Kryptowährung auf 21 Millionen Bitcoins begrenzt ist. Heute wird mit der Erstellung 630’001 Bitcoin-Blocks das dritte Halving ausgelöst und der Block-Reward auf 6.25 Bitcoins pro Block heruntergesetzt. (BTC Direct, 2020)


Mögliche Auswirkungen des Halvings

Wie die untenstehende  Grafik zeigt, ist nach den beiden letzten Halvings im November 2012 und Juli 2016 der Bitcoin-Preis im Vergleich zum US Dollar stark angestiegen (TradingView, 2020). Ob dieser Kursanstieg tatsächlich auf die geringere Bitcoin-Inflation aufgrund der Halvings zurückzuführen war, bleibt jedoch eine Frage der Interpretation. 


Bitstamp: BTCUSD. Abgerufen von TradingView (2020)



Um mögliche Auswirkungen des heutigen Halvings zu antizipieren, gilt es unterschiedliche Aspekte berücksichtigen. Wie bei jedem liquiden Vermögenswert bestimmt sich auch der Bitcoin-Preis über Angebot und Nachfrage. Auf der Angebotsseite lässt sich festhalten, dass mit dem dritten Halving die Inflationsrate von Bitcoin von 3.6% auf 1.8% verringert wird. Dies ist insofern relevant, da der Block-Reward von den Minern aufgrund von laufenden operationellen Kosten (z.B. Personal, Hardware, Elektrizität) fast vollumfänglich wieder verkauft wird und somit in die Angebotsseite von Bitcoin miteinfliesst. So schätzt Bitcoin.com per Februar 2020 die Mining-Kosten pro Bitcoin auf 6’851 US Dollar (Redman, 2020). Dies entspricht einer Marge von 30% was bedeutet, dass Bitcoin-Miner rund 70% des Block-Rewards gegen Fiatgeld (z.B. US Dollar) verkaufen müssen um ihre operativen Kosten zu decken. In der Praxis ist dieser Effekt auf das Bitcoin-Angebot jedoch schwer einzuschätzen. So zeigt Young (2020) beispielsweise auf, dass Bitcoin-Miner ihre Bitcoins aktuell zurückhalten da sie von einem Preisanstieg durch das Halving ausgehen.


Das Bitcoin-Protokoll legt fest, dass sich auch künftig alle vier Jahre die Inflationsrate halbieren wird bis es in rund 120 Jahren keinen Block-Reward mehr gibt (BTC Direct, 2020). Aus diesem Grund ist durch die Verknappung des Angebots langfristig von einem signifikanten Einfluss auf den Bitcoin-Kurs auszugehen. Kurz- und mittelfristig hingegen wird der Bitcoin-Kurs vor allem durch positive und negative Neuigkeiten, Währungsrisiken aufgrund geringer Liquidität oder Ungewissheit über den intrinsischen Wert der Kryptowährung bestimmt (vgl. Herrnberger, 2020). Gerade letzterer wird im Zuge des Halvings oftmals angezweifelt. Es wird davon ausgegangen, dass viele Miner bei geringeren Block-Rewards ihre Operationen aufgrund zu hoher Kosten einstellen müssen. Dabei wird befürchtet, dass das Bitcoin-Netzwerk durch die zunehmende Zentralisierung der Rechenleistung von grossen Mining-Unternehmen angreifbar wird. 


Anhand der gesamten Rechenleistung im Bitcoin-Netzwerk nach dem letzten Halving im Juli 2016 (siehe Abbildung) konnte gemessen an der Hashrate allerdings kein unmittelbarer Rückgang der Rechenleistung verzeichnet werden. Im Gegenteil: Im darauffolgenden Jahr hat sich die Hashrate der Bitcoin-Blockchain beinahe vervierfacht. Vier Jahre später verzeichnet das Netzwerk eine Hashrate die beinahe 100 mal so hoch ist, wie im Juli 2016. (Bitinfocharts, 2020)

Bitcoin Hashrate July 2016 – July 2017. Abgerufen von Bitinfocharts (2020)



Hinsichtlich der Verteilung der Rechenleistung unter den verschiedenen  Parteien zeigt der Zeitreihenvergleich von Blockchain.com (2020; siehe Abbildung), dass die Hashrate von Bitcoin in den letzten Jahren relativ gut unter unterschiedlichen Mining-Pools verteilt war. Aus diesem Grund ist aktuell von keiner Gefahr durch zunehmende Zentralisierung der Mining-Power im Bitcoin-Netzwerk auszugehen.

Hashrate Distribution Over Time. Abgerufen von Blockchain.com (2020a)


Was heisst das nun für Investoren?

Grundsätzlich lässt sich zusammenfassen, dass durch eine Verknappung des Angebots bei zunehmender Nachfrage langfristig mit einer Wertsteigerung des Bitcoin zu rechnen ist. Kurzfristig, lassen sich in Bezug auf das Halving keine klaren Schlüsse ziehen, da externe Faktoren wie beispielsweise. die Corona-Krise, eine expansive Geldpolitik der Zentralbanken, oder gewagte Preisprognosen in den Medien einen weitaus grösseren Einfluss auf den Bitcoin-Kurs haben, als der technische Akt der Reduktion von Bitcoins Inflationsrate – das Halving.

Investoren, die in unsicheren Zeiten einen Teil ihres Portfolios in Bitcoin investieren möchten, sollten dies im Einklang mit ihrer eigenen Risikobereitschaft tun. Durch die Verteilung der Investitionen über einen längeren Zeitraum kann zudem ein mittlerer Einkaufspreis erlangt werden um die hohen Kursschwankungen von Kryptowährungen zu mitigieren.




Quellen

Bitinfocharts. (2020). Bitcoin Hashrate grafiken. Abgerufen 9. Mai 2020, von https://bitinfocharts.com/de/comparison/bitcoin-hashrate.html

Blockchain.com. (2020a). Hashrate Distribution Over Time. Abgerufen von https://www.blockchain.com/charts/pools-timeseries

Blockchain.com. (2020b). Average Transactions per Block. Abgerufen 9. Mai 2020, von https://www.blockchain.com/en/charts/n-transactions-per-block?timespan=2years

Bonnet, P. (2020, Mai 7). Countdown zum Bitcoin-Halving: Analysten überbieten sich mit extremen Kurzielen. Abgerufen 9. Mai 2020, von https://www.finanzen.net/nachricht/devisen/reisserische-prognosen-countdown-zum-bitcoin-halving-analysten-ueberbieten-sich-mit-extremen-kurzielen-8828940

BTC Direct. (2020). Wie viele Bitcoins gibt es? Abgerufen von https://btcdirect.eu/de-at/wie-viele-bitcoins-gibt-es

Herrnberger, S. (2020, März 2). Was beeinflusst den Bitcoin Kurs. Abgerufen von https://blockchainwelt.de/was-beeinflusst-den-bitcoin-kurs/

Redman, J. (2020, Februar 15). Tradeblock Estimates Post-Halving Mining Cost of $12,500 per BTC. Abgerufen von https://news.bitcoin.com/tradeblock-estimates-post-halving/

TradingView. (2020). Bitstamp: BTCUSD . Abgerufen von https://de.tradingview.com/chart/

Young, J. (2020, Mai 7). BTC Miners Expect Bitcoin Price to Surpass $12K After Reward Halving. Abgerufen von https://cointelegraph.com/news/btc-miners-expect-bitcoin-price-to-surpass-12k-after-reward-halving


Disclaimer

Der Autor dieses Artikels hat keine Verbindung oder Beziehung zu einem Unternehmen, einem Projekt oder einer Veranstaltung, sofern nicht ausdrücklich etwas anderes angegeben ist. Keine der bereitgestellten Informationen stellt Finanz- oder Anlageberatung dar. Investitionen in Kryptowährungen sind risikobehaftet. Ledgerlabs.li ist eine Webseite für unabhängige Informationen über Blockchain-Technologie. Weder Ledgerlabs Kranz noch die Autoren sind direkt oder indirekt für Schäden oder Verluste im Zusammenhang mit der Nutzung oder dem Vertrauen auf bereitgestellte Inhalte verantwortlich.

Author


Avatar

Severin Kranz

Severin Kranz arbeitet seit mehreren Jahren als Consultant im Fintech-Bereich sowie in der Vermögensverwaltung. Seit 2015 setzt er sich zudem mit dem Thema Kryptowährungen und Blockchain auseinander. Durch seinen Master in Business Innovation an der Universität St. Gallen hat er sich zudem auf mensch-zentrierte Innovationen und Design Thinking spezialisiert.